Zur Kritik an „Wir sind das Volk!“

„Volk“ als nationalistische/rassistische Kategorie?! Als soziale Kategorie überholt!


Mit diesen Zeilen wollen wir einige Argumente und Thesen zu der umstrittenen Parole „Wir sind das Volk!“ beisteuern. Unser Beitrag ist kein geschlossener und „runder“ Text. Im Bremer Bündnis gegen Sozialkahlschlag wurde das Für und Wider eines „Volk“-Begriffs sehr emotional diskutiert, ohne in der Kürze und Hitze der Debatte zu gemeinsamen Positionen zu kommen.
Da inhaltliche Vertiefungen im Bündnisplenum notwendig zu knapp kommen, weil immer viel Organisatorisches ansteht, schlagen wir vor, parallel dazu thematische Treffen zu organisieren, - nicht nur zu diesem Thema.

* Bis 1848 kennzeichnete Volk den 3. Stand der Bürger, Bauern und Arbeiter gegen Adel und Klerus. Die Berufung auf „Volk“ als Schicht, Klasse oder „soziales Unten“ konnte somit sozialrevolutionäre Bedeutung haben.

* „Volk“ als sozialer und kultureller (eben nicht ethnischer/rassischer!) Zusammenhang kann gegen kolonialistische oder imperialistische Unterdrückung ebenso progressiven Charakter haben.

* Nicht erst im Faschismus wird mit „Volk“ und „Volksgemeinschaft“ der Klassencharakter der Gesellschaft verschleiert. Die unvereinbaren Interessen von Kapital und Arbeit werden hier zugunsten der Herrschaft des Kapitals durch die Ideologie „Wir sitzen alle im selben (deutschen) Boot“ vernebelt. Diese Logik „Zuerst Deutscher, dann Arbeiter“ wurde in der SPD mit der Bewilligung der Kriegsanleihen schon 1914 bei Aufgabe des Arbeiterinternationalismus mitgetragen.
Derselbe herrschaftsverschleiernde Grund-gedanke liegt auch allen „Sozialpartnerschafts-“, „Bündnis für Arbeit-“, „Standort Deutschland-“ Modellen zu Grunde.

* Nicht erst im Faschismus wird „Volk“ auch (pseudo-wissenschaftlich) „biologisch-rassisch“ begründet und dient als Ein- und Ausschlußkriterium.
Hierarchisierung, Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung (z.B. Juden und Slawen) gingen und gehen mit solchen Vorstellungen einher.

* DDR 1989: Mit der Parole „Wir sind das Volk!“ findet eine Revolution von unten gegen einen entkoppelten Herrschafts- und Staatsapparat statt; - „Volk“ ist hier noch eine soziale Kategorie und darin legitim und emanzipatorisch gegen die stalinistische Apparatestruktur. Innerhalb weniger Tage/Wochen wird daraus unter medialem Einfluß interessierter Kräfte, aber sicher auch „falschen“ Verinnerlichungen der Beteiligten, die Parole „Wir sind ein Volk!“. Hier wird die soziale Dimension aufgegeben und fragwürdige nationalistische Tendenzen nehmen überhand.


* Wer sich auf „Volk“ beruft, wäre in Frankreich 1789 ff. und in „Deutschland“ 1848 durchaus revolutionär und wohlwollend interpretiert auch 1989 in der DDR; - was aber mehr über den verkommenden Charakter der DDR, als über die Interessen der Aktiven andeutet.

* Wer in der BRD 2004 von „Volk“ positiv spricht, ist nicht gleich ein Nationalist oder Faschist, täte aber gut daran, klarzumachen, daß es ihm oder ihr um eine soziale Frage geht. „Volk“ ist gerade aufgrund der deutschen Geschichte als sozialer Begriff unbrauchbar, aber eben auch generell überholt.

* Wer sich auf „Demokratie und Bürgerrechte“ bezieht, sollte zur Kenntnis nehmen, daß in der BRD, im Gegensatz zu zahlreichen anderen Ländern, das Staatsbürgerrecht ein Blutrecht und kein Geburtsrecht ist. Unzählige nicht eingebürgerte MigrantInnen und illegalisierte Menschen, die in der BRD z.T. ohne Papiere und ohne irgendwelche Rechte arbeiten und leben, wären dann ausgegrenzt.

* Wer „nationale Einheit von unten“ fordert, deutet zwar einen sozialen Bezug an („von unten“), aber erklärt nicht, warum denn nur „national!“? Warum denn nicht „internationale Einheit von unten!?


Ein Diskussionsbeitrag von: SAV-Bremen (Sozialistische Alternative), Kontakt: bremen@sav-online.de
andiamo! – projekt linke basis, Kontakt: andiamo-@gmx.de

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